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1874 — 1945

Ernst Cassireranimal symbolicum

Der Mensch lebt nicht in einer Welt bloßer Dinge, sondern in einem Universum der Zeichen.

Zwischen Marburg, Hamburg und dem Exil entwarf Cassirer eine Philosophie, die Sprache, Mythos und Wissenschaft als die großen Formen begreift, in denen der Mensch seine Wirklichkeit überhaupt erst erschafft.

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Die Grundidee

Nicht die Dinge, sondern ihre Formen

Cassirers Ausgangspunkt ist eine Umkehrung: Wir greifen die Welt nie unmittelbar, sondern immer durch Formen der Bedeutung hindurch — durch Worte, Bilder, Zahlen, Begriffe.

Was Kant für die Erkenntnis der Natur gezeigt hatte — dass der Verstand seine Gegenstände mitformt —, weitet Cassirer auf die gesamte Kultur aus. An die Stelle einer Kritik der reinen Vernunft tritt eine Kritik der Kultur. Sprache, Mythos, Kunst, Religion und Wissenschaft sind keine bloßen Abbilder einer fertigen Wirklichkeit. Sie sind die schöpferischen Energien, in denen sich eine Welt erst aufbaut und ordnet.

Darum nennt er den Menschen nicht animal rationale, das vernünftige Tier, sondern animal symbolicum — das Wesen, das Symbole bildet und in ihnen lebt. Wer den Menschen verstehen will, muss die Formen verstehen, in denen er Sinn erzeugt.

Drei symbolische Räume

Sprache · Mythos · Wissenschaft

In der dreibändigen Philosophie der symbolischen Formen (1923–1929) durchschreitet Cassirer drei große Welten der Sinnbildung. Jede hat ihre eigene Logik, ihren eigenen Raum, ihre eigene Zeit — und doch sind sie Stufen eines Weges: von der gefühlten Nähe zur denkenden Distanz.

I
Erster Band · 1923

Die Sprache

Mit dem Wort beginnt die Trennung. Indem der Mensch benennt, löst er sich vom unmittelbaren Eindruck und schafft Abstand zwischen sich und der Welt. Sprache ist für Cassirer keine bloße Sammlung von Etiketten, sondern die erste große Leistung des Geistes: Sie gliedert den Strom der Erfahrung in Gegenstände, Eigenschaften und Beziehungen.

In der Sprache zeigt sich die symbolische Funktion in ihrer reinsten Form — der Laut wird zum Träger eines Sinns, der weit über ihn hinausweist.

„Der Name ist nicht Hülle der Sache, sondern Geburt ihres Begriffs.“
II
Zweiter Band · 1925

Das mythische Denken

Älter als die Wissenschaft und tiefer als die Logik ist der Mythos. Hier gibt es keine kühle Trennung von Ding und Bild, von Teil und Ganzem: Der Schatten ist der Mensch, der Name ist die Macht. Cassirer nimmt den Mythos ernst — nicht als Irrtum, sondern als eigene Form des Weltverstehens mit eigener innerer Gesetzlichkeit.

Im mythischen Raum ist alles geladen mit Bedeutung, durchwirkt von Heiligem und Profanem. Es ist die Welt der gefühlten Einheit, aus der sich Denken und Wissenschaft erst langsam herausarbeiten.

„Der Mythos sieht nicht die Welt — er fühlt sie als beseelte Gegenwart.“
III
Dritter Band · 1929

Die Erkenntnis

Im Begriff erreicht der Geist seine größte Freiheit. Die Phänomenologie der Erkenntnis zeigt, wie das Denken vom anschaulichen Ausdruck über die gegenständliche Darstellung bis zur reinen Bedeutung der Wissenschaft aufsteigt. Zahl, Raum und Funktion werden zu reinen Beziehungsformen, die sich von jeder Anschauung lösen.

Doch die Wissenschaft hebt Sprache und Mythos nicht auf — sie ist ein weiterer Raum neben ihnen. Erst alle Formen zusammen ergeben das volle Bild des Menschen und seiner Kultur.

„Im Symbol der Zahl wird der Geist seiner selbst als reiner Beziehung gewahr.“
Ein Leben in Stationen

Vom Kaiserreich ins Exil

1874

Geboren in Breslau

Ernst Cassirer wird am 28. Juli 1874 in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie geboren — im damaligen Breslau, dem heutigen Wrocław.

1896

Marburg und Hermann Cohen

Nach Studien in Berlin, Leipzig und Heidelberg wird Cassirer in Marburg Schüler Hermann Cohens und prägende Gestalt des Marburger Neukantianismus.

1906

Privatdozent in Berlin

An der Universität Berlin lehrt Cassirer von 1906 bis 1919 — die Jahre, in denen seine erkenntnistheoretischen Grundlagen reifen.

1919

Professur in Hamburg

An der neu gegründeten Universität Hamburg findet er in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Aby Warburgs eine ideale Quelle — hier entsteht die Philosophie der symbolischen Formen.

1929

Rektor — und Davos

Cassirer wird zum Rektor der Universität Hamburg gewählt, einer der ersten jüdischen Rektoren Deutschlands. Im selben Jahr die berühmte Disputation mit Martin Heidegger in Davos.

1933

Emigration

Nach Hitlers Machtübernahme verlässt Cassirer Deutschland. Es folgen Oxford (All Souls College, 1933–1935) und eine Professur im schwedischen Göteborg.

1941

Yale und Columbia

Über den Atlantik gelangt Cassirer an die Yale University, ab 1944 an die Columbia University in New York. In diesen Jahren schreibt er auf Englisch seine späten Hauptwerke.

1945

Tod in New York

Am 13. April 1945 stirbt Ernst Cassirer in New York — wenige Wochen vor dem Ende des Krieges, der ihn aus seiner Heimat vertrieben hatte.

Schlüsselwerke

Was bleibt zu lesen

1910

Substanzbegriff und Funktionsbegriff

Die frühe erkenntnistheoretische Wende: vom Denken in Dingen zum Denken in Beziehungen und Funktionen.

1923–1929

Philosophie der symbolischen Formen

Sein Hauptwerk in drei Bänden — Sprache, mythisches Denken, Phänomenologie der Erkenntnis.

1927

Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance

Ideengeschichte als Werkstatt des Denkens — entstanden im Umkreis der Bibliothek Warburg.

1932

Die Philosophie der Aufklärung

Eine bis heute maßgebliche Darstellung des aufklärerischen Denkens und seiner Vernunftidee.

1944

An Essay on Man

Die englischsprachige Summe seines Denkens — der Mensch als animal symbolicum, allgemein zugänglich entfaltet.

1946

The Myth of the State

Postum erschienen: Cassirers Auseinandersetzung mit dem politischen Mythos und den Mythen der Macht im 20. Jahrhundert.

Davos, 1929
Zwei Welten des Denkens trafen aufeinander — und mit ihnen zwei Bilder des Menschen.
Die Disputation mit Martin Heidegger

Im Frühjahr 1929 trafen Cassirer und der junge Martin Heidegger bei den Davoser Hochschulkursen aufeinander. Was als gelehrte Kant-Auslegung begann, gilt heute als eine der folgenreichsten Debatten der Philosophie des 20. Jahrhunderts — ein Sinnbild für die Scheidung zwischen einer Philosophie der Kultur und Vernunft und einer Philosophie der geworfenen, endlichen Existenz.

Cassirer verteidigte die Idee einer Freiheit, die der Mensch im Aufbau seiner symbolischen Welten gewinnt — die Möglichkeit, sich durch Sprache, Kunst und Wissenschaft über die bloße Endlichkeit zu erheben. Es ist die Haltung eines Denkers, der noch im Exil an der bildenden Kraft der Kultur festhielt.

Warum heute

Eine Philosophie für das Zeitalter der Zeichen

In einer Gegenwart, die in Bildern, Daten und Erzählungen lebt, gewinnt Cassirers Frage neue Schärfe: Wie formen die Medien unseres Denkens das, was wir für wirklich halten?

Seine Unterscheidung von Mythos und Begriff, sein Ernstnehmen des Bildlichen, seine Warnung vor dem politischen Mythos — all das spricht unmittelbar in unsere Zeit hinein. Cassirer lesen heißt, die eigene symbolische Welt mit wacheren Augen zu betrachten.

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