
Dieser Beitrag stellt ein Forschungsprogramm vor — eine These mit weiter Reichweite, die mehrere Linien öffnet.
Vor etwa 100.000 Jahren, in einer Höhle am heutigen Karmel-Gebirge, legte jemand einen Toten in eine Grube. Die Grube war tiefer, als sie sein musste. Der Körper lag in einer bestimmten Ausrichtung. Neben ihm: Ochsenschädel, Hirschgeweih. Nichts davon war nötig, um den Toten zu beseitigen. Alles davon war Aufwand. Was trieb diesen Menschen an — in einer Zeit, als die meisten kognitiven Kapazitäten darauf gerichtet waren, am nächsten Tag noch zu leben?
Die einfache Antwort lautet: Trauer, Respekt, Religion. Aber diese Antworten erklären nichts — sie beschreiben nur das Phänomen mit anderen Worten. Die interessante Frage ist die kognitionsarchitektonische: Was muss in einem Gehirn anders verdrahtet sein, damit dieser Aufwand möglich ist? Was hat dieser Mensch getan, das kein Tier tut — und warum?
Die heutige Hypothese versucht, darauf eine präzise und falsifizierbare Antwort zu geben. Sie heißt: Subtraktive Sollwertinstallation als Modus-Wechsel.
Was Tiere können — und was nicht
Beginnen wir mit dem Tier. Der Eichelhäher ist ein Meister des Versteckens. Er legt Vorräte an, erinnert sich später daran — nicht nur wo, sondern auch was er versteckt hat und wann. Diese Befunde aus dem Labor von Nicola Clayton und Anthony Dickinson (1998) haben die Kognitionswissenschaft aufgerüttelt: Was wie episodisches Gedächtnis aussieht, galt lange als Privileg des Menschen.
Aber: Das Verhalten des Eichelhähers wird durch einen Auslöser aktiviert. Hunger. Saisonale Cues. Konkrete sensorische Hinweise auf die Umwelt. Ohne diese Auslöser — kein prospektives Verhalten. Das Tier operiert, verkürzt gesagt, auf Umweltauslöser: Die Außenwelt dreht an einem Schalter, und das Gehirn reagiert. Was der Eichelhäher nicht zeigt, ist das Gegenteil: ein Verhalten, das läuft, obwohl der Auslöser fehlt. Eine stabile innere Referenzgröße, die aktiv bleibt, auch wenn draußen nichts mehr danach fragt.
Genau das aber tut der Mensch in der Höhle am Karmel. Er reagiert nicht auf einen Auslöser — der Tote löst kein prospektives Verhalten aus, denn der Tote kann nicht mehr wirken. Der Mensch handelt aus einem inneren Referenzpunkt heraus: aus einer Idee, einem Standard, einem Sollwert, den er sich selbst gesetzt hat — und der auch ohne äußere Aktivierung aktiv bleibt. Er markiert eine strukturierte Abwesenheit. Das Grab ist das Zeichen für etwas, das nicht mehr da ist. Das ist der Kern der Hypothese.
Die Zwei-Phasen-Architektur
Die Hypothese schlägt vor, das Phänomen in zwei empirisch trennbare Phasen zu zerlegen:
Phase (a) — individuelle kognitive Kapazität: Der anatomisch moderne Mensch kann eine nicht-anwesende Referenzgröße aktiv halten, auch wenn kein sensorischer Auslöser sie aktiviert. Er kann prospektiv denken und handeln auf Grundlage selbst gesetzter Referenzpunkte — nicht nur als Reaktion auf Umweltsignale. Das ist der eigentliche Modus-Wechsel gegenüber tierischem Prospektionsvermögen. Nicht das Ob des Prospektierens ist neu, sondern das Wie: auslöserunabhängig statt auslöserabhängig.
Phase (b) — soziale Konventionalisierung: Diese individuelle Kapazität wird in eine über-individuell konsistente Materialform übersetzt. Die Grabausrichtung, die Grabtiefe, die Beigaben — drei Indikatoren, die in frühen Bestattungsbefunden kovariieren — sind nicht zufällig. Sie bilden ein Muster, das über mehrere Individuen einer Gruppe reproduziert wird. Das Muster ist der soziale Abdruck einer geteilten kognitiven Praxis. Die Bestattung ist der archäologisch früheste Beleg dafür, dass Menschen Phase (b) erreicht haben.
Der Clou dieser Zwei-Phasen-Architektur: Beide Phasen sind unabhängig voneinander empirisch prüfbar. Phase (a) ist ein kognitionswissenschaftliches Problem — zugänglich durch Tierverhaltensstudien, die Auslöser-Entzug als experimentelle Bedingung nutzen. Phase (b) ist ein archäologisches Problem — zugänglich durch systematische Analyse früher Bestattungsbefunde. Zwei verschiedene Wissenschaften, zwei verschiedene Prüfpfade, eine gemeinsame Hypothese.
Subtraktive Sollwertinstallation — was steckt im Begriff?
Der Begriff klingt technisch, und das ist Absicht. Er leitet sich aus der Regelkreis-Metapher der Kybernetik ab: Ein Sollwert ist eine interne Zielgröße, gegen die ein System seinen Ist-Zustand abgleicht. In der Kognitionswissenschaft taucht das in der Theorie des aktiven Schlussfolgerns (Active Inference, Karl Friston) auf: Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine, die ständig ihre eigenen Erwartungen gegen Sensorik abgleicht.
Das Wort subtraktiv ist der entscheidende Zusatz. Installation eines Sollwerts durch Subtraktion — durch das Markieren einer Abwesenheit, nicht einer Anwesenheit. Der Mensch setzt keinen positiven Stimulus. Er setzt ein Zeichen für etwas, das weg ist, das fehlt, das nicht mehr da sein wird. Das Grab ist nicht das Abbild des Toten — es ist das Zeichen für seine Abwesenheit. Die Grube, die Ausrichtung, die Beigaben: sie installieren einen Sollwert, der auf etwas Nicht-Anwesendes referiert.
Damit ist die Hypothese auch in der Nähe einer klassischen Einsicht der Kulturphilosophie: Ernst Cassirer hat betont, dass der Mensch das symbolische Tier ist — das Tier, das nicht direkt auf Reize reagiert, sondern durch ein Netz von Symbolen auf die Welt schaut. Die Bestattung wäre dann das älteste greifbare Zeugnis für dieses Netz. Aber die vorliegende Hypothese geht einen Schritt weiter: Sie macht eine spezifische kognitionsarchitektonische Aussage, die — anders als Cassirers Symbol-These — direkt empirisch prüfbar ist.
Die Experten-Runde: Sieben Stimmen, eine Frage
Im Rahmen des Hypothesen-Tages wurde die These einem internen Expertenpanel aus sieben Perspektiven vorgelegt: Kant, Popper, Wittgenstein, Cassirer, Friston, Luhmann und Goethe — als idealtypische Stimmen aus Philosophie, Kognitionswissenschaft und Systemtheorie. Ihre Gutachten divergieren produktiv.
Kant und Wittgenstein konvergieren in einem Punkt: Die Unterscheidung auslöserabhängig vs. referenzwert-gesteuert operiert in zwei verschiedenen Sprachspielen, die getrennt gehalten werden müssen. Phase (a) ist eine Aussage über kognitive Architektur; Phase (b) ist eine Aussage über soziale Koordination. Diese Trennung ist theoretisch notwendig, nicht nur methodisch.
Cassirer und Luhmann streiten über den Begriff der Energie. Cassirer schlägt vor, die soziale Dimension in den Begriff der „negativen symbolischen Energie“ aufzunehmen — die Kraft, die durch die Markierung einer Abwesenheit freigesetzt wird. Luhmann hält dagegen: „Energie“ suggeriert individuelles Potential und verdeckt die soziale Operation. Die Konventionalisierung (Phase b) sei nicht Ausdruck individueller Energie, sondern Emergenz sozialer Kommunikation.
Friston liefert den kognitionswissenschaftlichen Anschluss: Das deep temporal generative model des Gehirns — die Fähigkeit, Vorhersagen über zeitlich weit entfernte Ereignisse zu generieren — wäre die neurobiologische Entsprechung von Phase (a). Tiere haben dieses Modell in rudimentärer Form; die These behauptet, dass Menschen eine qualitativ andere Version besitzen.
Goethe bringt eine naturphilosophische Beobachtung ein, die sich als hartnäckig erweist: In allen bekannten frühen Bestattungen tritt Subtraktion (Entzug, Grube, Entfernung) immer zusammen mit Addition (Markierung, Beigaben, Ausrichtung) auf. Die rein subtraktive Form scheint nicht zu existieren. Ist das ein strukturelles Merkmal — oder eine historische Koinzidenz?
Die offene Antinomie: Ist Subtraktion ohne Addition möglich?
Diese Frage — ob Subtraktion und Addition in Bestattungsformen strukturell notwendig gekoppelt sind oder nur empirisch zufällig zusammentreffen — ist die schärfste offene Frage der Hypothese. Die externe Begutachtung durch die Hacking-Persona (eine Stimme aus der historischen Epistemologie und Wissenschaftsphilosophie) hat sie als das eigentliche Herzstück der These identifiziert.
Das Argument: Wenn die Kopplung kontingent ist — wenn also rein subtraktive Bestattungsformen (Entzug ohne jede additive Markierung) prinzipiell möglich wären und nur aus anderen Gründen nicht aufgetreten sind — dann verliert der Modus-Wechsel seinen systematischen Charakter. Er wäre dann nicht eine Konsequenz der kognitiven Architektur, sondern eine historische Koinzidenz. Wenn die Kopplung aber strukturell ist — wenn eine rein subtraktive Sollwertinstallation ohne additive Markierung konzeptuell widersprüchlich wäre — dann gewinnt die These einen starken theoretischen Anker.
Die Antwort ist offen. Drei Suchpfade wurden identifiziert: Frühe Bestattungen ohne Beigaben und ohne räumliche Markierung; Trauerpraktiken in rezenten Gesellschaften ohne additive Markierung (Wasserbestattung, Himmelsbestattung); und systemtheoretische Überlegungen, ob ein subtraktiver Akt allein — ohne additive Kommunikation — sozial reproduziert werden kann. Das ist ein Forschungsdesiderat.
Die externe Überprüfung: Was die Wissenschaft bereits weiß
Die Empirie-Brücke — eine Recherche gegen die aktuelle Forschungsliteratur — hat drei empirische Konsequenzen der Hypothese geprüft und einen Empirie-Score von 7/10 vergeben. Das Bild ist differenziert:
Für Konsequenz 1 (proto-episodische Kapazität bei Tieren ohne aktuellen Auslöser) gibt es bestätigende Befunde — das Clayton-&-Dickinson-Paradigma ist hier der Klassiker. Eichelhäher rufen gespeicherte Informationen ab, ohne dass der ursprüngliche sensorische Auslöser präsent ist. Das stützt die Idee, dass Tiere zumindest eine rudimentäre Form von entkoppelter Repräsentation besitzen.
Für Konsequenz 2 (kein stabiles referenzwert-gesteuertes Prospektionsverhalten bei Tieren nach vollständigem Auslöserentzug) ist das Bild gemischt. Dickinson et al. (1998) zeigt Omissions-Lernen bei Ratten — aber kein robustes referenzwert-gesteuertes Verhalten ohne Auslöser über längere Zeiträume. Die Langzeitstudie unter vollständigem Auslöserentzug existiert noch nicht. Das ist eine Forschungslücke, keine Widerlegung.
Für Konsequenz 3 (Kovarianz von Konventionalisierungs-Indikatoren in frühen Bestattungen) gibt es bislang keine systematische quantitative Analyse. Pettitt (2011) und d’Errico & Gargett (2006) liefern wertvolle Überblicksarbeiten, aber keine Kovarianz-Tabelle über die drei Indikatoren für Befunde über 45.000 BP. Das ist die größte Forschungslücke.
Die Originalitätsprüfung durch ein externes Sprachmodell (Perplexity/Sonar-Reasoning-Pro) hat die These in vier Forschungsstränge eingeordnet: Tierkognition (episodic-like memory, future-oriented cognition), Philosophie des Geistes (decoupled representation, Active Inference), Sozialtheorie (Konventionen, Luhmann), Archäologie (frühe Bestattungen, Pettitt). In der Kombination und Zuspitzung — subtraktive Sollwertinstallation als operationalisiertes Prüfkriterium über Auslöserentzug — wurde die These als originell eingestuft.
Warum das wichtig ist: Der Einsatz der Hypothese
Was steht auf dem Spiel, wenn diese Hypothese stimmt — oder nicht stimmt?
Wenn Phase (a) korrekt ist — wenn der Modus-Wechsel zwischen tierischer und menschlicher Prospektion tatsächlich in der Auslöserunabhängigkeit liegt — dann hätte das Konsequenzen für das Verständnis menschlicher Kognition, die weit über die Bestattungsfrage hinausgehen. Alle Planung, alle Kunst, alle Religion, alle Wissenschaft wäre letztlich eine Variation desselben Grundmusters: Der Mensch handelt auf Grundlage von Referenzpunkten, die er selbst gesetzt hat und die er auch dann aufrechterhält, wenn die äußere Welt ihm keinen Anlass gibt.
Wenn Phase (b) korrekt ist — wenn die frühen Bestattungen tatsächlich konventionalisierte subtraktive Operationen sind — dann hätten wir im archäologischen Befund einen direkten empirischen Zugang zu dem Moment, in dem die kognitive Architektur des anatomisch modernen Menschen sozial sichtbar wurde. Die Bestattung wäre nicht nur ein Ritual. Sie wäre ein kognitiver Fingerabdruck.
Und wenn die offene Antinomie — die Frage nach der strukturellen Notwendigkeit der Kopplung von Subtraktion und Addition — gelöst wird, dann hätte das Konsequenzen für die Philosophie des Geistes, die Anthropologie und die Archäologie gleichzeitig. Das ist der Grund, warum diese Hypothese als Forschungsprogramm und nicht als abgeschlossene These eingestuft wird.
Offene Fragen für die nächste Runde
Die heutige Pipeline hat vier Verzweigungen als explizit offen markiert:
1. Kopplung Subtraktion–Addition: Gibt es rein subtraktive Bestattungsformen? Wenn ja: Funktionieren sie als Sollwertinstallation, oder fehlt gerade das? Drei Suchpfade: Archäologie, Komparative Anthropologie, Systemtheorie (Luhmann).
2. Tierische Prospektion nach Auslöserentzug: Gibt es eine Langzeitstudie, die das Verhalten von Tieren unter vollständigem sensorischen Auslöserentzug über mindestens 24 Stunden beobachtet? Raby et al. (2007) über Eichelhäher und Osvath & Osvath (2008) über Schimpansen sind die nächsten Kandidaten — aber testen nicht explizit die Auslöserunabhängigkeit.
3. Kovariation in frühen Bestattungen: Gibt es eine quantitative Tabelle für Sungir, Qafzeh, Skhul und Dolní Věstonice, die Ausrichtung, Grabtiefe und Beigaben separat erfasst? Pettitt (2011) ist der Startpunkt; d’Errico & Gargett (2006) die kritische Gegenstimme.
4. Geteilte Intentionalität (Tomasello): Wo auf der Entwicklungslinie zwischen Schimpansen-Kollaboration und menschlicher kultureller Praxis tritt geteilte Intentionalität auf — und ist sie Voraussetzung oder Produkt konventionalisierter subtraktiver Markierung?
Quellen und Anschluss-Literatur
Clayton, N. S., & Dickinson, A. (1998). Episodic-like memory during cache recovery by scrub jays. Nature, 395, 272–274. https://doi.org/10.1038/26216
Dickinson, A., Squire, S., Varga, Z., & Smith, J. W. (1998). Omission Learning after Instrumental Pretraining. The Quarterly Journal of Experimental Psychology Section B, 51(3), 271–286. https://doi.org/10.1080/713932679
Friston, K. (2010). The free-energy principle: a unified brain theory? Nature Reviews Neuroscience, 11, 127–138. https://doi.org/10.1038/nrn2787
Osvath, M., & Osvath, H. (2008). Chimpanzee (Pan troglodytes) and orangutan (Pongo abelii) forethought: self-control and pre-experience in the face of future tool use. Animal Cognition, 11, 661–674. https://doi.org/10.1007/s10071-008-0157-0
Pettitt, P. (2011). The Palaeolithic Origins of Human Burial. Routledge.
Raby, C. R., Alexis, D. M., Dickinson, A., & Clayton, N. S. (2007). Planning for the future by western scrub-jays. Nature, 445, 919–921. https://doi.org/10.1038/nature05575
Suddendorf, T., & Corballis, M. C. (2007). The evolution of foresight: What is mental time travel, and is it unique to humans? Behavioral and Brain Sciences, 30, 299–351. https://doi.org/10.1017/S0140525X07001975
Tomasello, M. (2019). Becoming Human: A Theory of Ontogeny. Harvard University Press.
Tulving, E. (2005). Episodic memory and autonoesis: Uniquely human? In H. Terrace & J. Metcalfe (Eds.), The missing link in cognition (pp. 3–56). Oxford University Press.