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Was das Cassirer-Friston-Programm nicht erklärt (These)

Was das Cassirer-Friston-Programm nicht erklärt

Es gibt eine Frage, die sich das Cassirer-Friston-Programm bisher nicht gestellt hat. Nicht weil sie unwichtig ist — sondern weil sie so grundlegend ist, dass man sie übersieht, wenn man erst einmal in der Architektur des Systems arbeitet.

Die Frage lautet: Wie kommt es, dass dem Organismus überhaupt etwas als bedeutsam begegnet?

Die Hypothese des Tages

Das Cassirer-Friston-Programm beschreibt, wie ein Organismus in einer bereits bedeutsam erschlossenen Welt operiert. Es modelliert nicht, wie diese Erschlossenheit selbst entsteht. Diese Konstitutionslücke wird besonders greifbar beim Phänomen der primären Intersubjektivität (Trevarthen): Der Säugling ist affektiv-leiblich in die Welt des anderen eingebunden, bevor er im technischen Sinne Priors optimiert. Ob diese leibliche Einbindung vollständig als interoceptive predictive coding rekonstruierbar ist — ohne phänomenalen Überschuss — ist die Streitfrage, die das Programm bisher nicht explizit adressiert hat.

Was ist das Cassirer-Friston-Programm?

Eine kurze Orientierung, bevor wir in die Tiefe gehen.

Ernst Cassirer — Philosoph des frühen 20. Jahrhunderts — hat ein Programm entwickelt, das Erkenntnis nicht als passiven Empfang von Welt versteht, sondern als aktive symbolische Formgebung. Der Mensch lebt nicht in einer nackten Wirklichkeit; er lebt in einem Netz symbolischer Formen — Sprache, Mythos, Kunst, Wissenschaft — die die Wirklichkeit erst konstituieren. Es gibt keine Welt für uns vor dieser Formgebung.

Karl Friston — Neurowissenschaftler der Gegenwart — hat ein mathematisches Modell entwickelt, das biologische Systeme als Agenten beschreibt, die ständig ihre Vorhersagen über die Welt optimieren. Das Gehirn ist ein Vorhersage-Apparat: Es generiert Hypothesen über sensorische Eingaben, vergleicht sie mit dem tatsächlich Eingehenden, und minimiert den Vorhersagefehler. Dieses Prinzip — Active Inference oder Predictive Processing — gilt für Wahrnehmung, Handlung und zunehmend auch für soziale Kognition.

Das Cassirer-Friston-Programm ist die These, dass diese beiden Denkansätze zusammengehören: Cassirers symbolische Formen als die evolutionär herausgebildeten Vorannahmen (Priors), mit denen das Friston’sche Gehirn die Welt modelliert.

Was das Programm nicht erklärt

Das Programm erklärt gut, was ein Organismus tut, wenn er bereits in einer bedeutsamen Welt lebt. Es erklärt, wie Priors aufgebaut, revidiert und optimiert werden. Es erklärt, wie ein generatives Modell der Welt entsteht — und wie symbolische Formen dieses Modell strukturieren.

Was es nicht erklärt: den Eintritt in eine bedeutsame Welt.

Das klingt abstrakt. Konkret wird es bei Trevarthen.

Trevarthen und die primäre Intersubjektivität

Colwyn Trevarthen hat in jahrzehntelanger Forschung dokumentiert, was Neugeborene in den ersten Lebensmonaten tun. Sie imitieren Gesichtsausdrücke. Sie synchronisieren sich mit dem Rhythmus der Stimme ihrer Bezugspersonen. Sie zeigen etwas, das Trevarthen „primäre Intersubjektivität“ nennt: eine präkognitive, leibliche Eingebundenheit in die Welt des anderen — vor Sprache, vor explizitem Verstehen, vor allem, was wir gewöhnlich als „Kognition“ bezeichnen.

Der Säugling ist in der Welt. Nicht erst, wenn er beginnt, Vorhersagen zu optimieren — er ist von Anfang an eingebunden.

Die Frage, die das Cassirer-Friston-Programm nicht beantwortet: Kann diese leibliche Eingebundenheit vollständig als Active Inference beschrieben werden? Oder gibt es einen phänomenalen Überschuss — etwas, das kein Friston-Modell einholen kann, weil es konstitutiv vor jeder Prior-Architektur liegt?

Heidegger als Herausforderer — und sein Limit

Diese Frage ist alt. Martin Heidegger hat sie in seiner Fundamentalontologie gestellt — und in der berühmten Davoser Disputation von 1929 direkt gegen Cassirer gerichtet. Cassirers Fehler, so Heidegger, sei es, die Endlichkeit des menschlichen Daseins als Ausgangspunkt zu überspringen. Cassirer fange schon mit dem auf, was der Mensch aus seiner Endlichkeit gemacht hat — mit den symbolischen Formen — ohne zu fragen, was die Endlichkeit selbst ausmacht.

Heideggers Begriff: Erschlossenheit. Die Welt ist dem Dasein immer schon erschlossen — offen, zugänglich, bedeutsam. Nicht durch eine Leistung, sondern als Grundzustand des In-der-Welt-seins.

Das Problem mit Heidegger: Er benennt die Lücke präzise, füllt sie aber mit einem abstrakten Existenzial, das schwer zu operationalisieren ist. „Erschlossenheit“ ist phänomenologisch überzeugend beschrieben — aber empirisch kaum ansetzbar.

Hier kommt Trevarthen ins Spiel. Die primäre Intersubjektivität ist Heideggers Erschlossenheit in empirisch greifbarer Form: ein Zustand, der sich beobachten, messen und im Versuch stören lässt. Das ist der Anknüpfungspunkt zwischen Phänomenologie und Kognitionswissenschaft, den die Hypothese nutzt.

Das Expertenpanel und seine Konvergenzen

Die Hypothese wurde heute von einem Sokrates-Panel befragt — sieben Denker aus verschiedenen Traditionen: Kant, Popper, Wittgenstein, Friston, Cassirer, Goethe, Merleau-Ponty. (Ich erkläre diesen Prozess am Ende kurz.)

Das Bemerkenswerte: Friston selbst konzedierte in der zweiten Runde, dass sein Programm „eine formale Beschreibung von Systemen liefert, die bereits unter bedeutsamen Bedingungen operieren.“ Das ist keine Widerlegung des Programms — aber es ist eine präzise Benennung seiner Reichweite.

Cassirer präzisierte: Bei ihm ist diese konstitutive Ebene durch die konstitutionstheoretische Seite der symbolischen Formen besetzt — bei Friston fehlt sie schlicht.

Merleau-Ponty blieb bei seiner Position: Die chair du monde — das Fleisch der Welt, die leibliche Öffnung auf andere Leiber hin — hinterlässt nach jeder informatischen Rekonstruktion einen qualitativen Überschuss. Nicht als Mystik, sondern als phänomenologische Beobachtung: Es gibt einen Zustand des Säuglings, der durch synchrone Affektivität und interleibliche Resonanz charakterisiert ist und der sich, wenn man ihn genau beschreibt, nicht vollständig als Fehlerminimierung erfassen lässt.

Die Antinomie, die gehalten werden muss

Friston und Merleau-Ponty kommen zu entgegengesetzten Einschätzungen — und beide haben Recht auf ihrer Ebene.

Friston: Erschlossenheit ist ein lösbares Formalisierungsproblem. Die primäre Intersubjektivität des Säuglings ist als interoceptive predictive coding beschreibbar. Die Lücke ist Unterbestimmtheit, kein prinzipielles Hindernis.

Merleau-Ponty: Das Fleisch der Welt ist irreduzibel. Jede Formalisierung, die das phänomenale Erleben der leiblichen Eingebundenheit einholen wollte, würde entweder scheitern oder implizit phänomenologische Vorannahmen einführen — und damit zirkulär werden.

Diese Antinomie lässt sich nicht durch Begriffsklärung auflösen. Sie hängt daran, was man unter „Erklärung“ versteht: funktionale Reproduktion oder qualitative Einholung. Beides ist eine legitime Wissenschaftsnorm — aber sie sind nicht kompatibel.

Wozu die Falsifikation?

Eine Hypothese ohne Falsifikationsbedingung ist keine These, sondern Poesie. Die Falsifikationsbedingung dieser Hypothese:

Die schwächere These — die Lücke ist Unterbestimmtheit, nicht Irreduzibilität — fällt, wenn ein formales Active-Inference-Modell Trevarthens primäre Intersubjektivität ohne phänomenologische Vorannahmen vollständig rekonstruiert. Operationalisierbar: Alle von Zahavi benannten Eigenschaften des präreflexiven Selbstgewahrseins (Zahavi 2020) müssten als Friston-Zustände beschreibbar sein, ohne Residuum.

Das ist ein hoher Standard. Aber er ist keine Immunisierung — er ist eine ernsthafte Einladung an das Friston-Programm, seinen Anspruch zu präzisieren.

Ein Hinweis aus der Zweitmeinung: Das Wort „vollständig“ in der Falsifikationsbedingung birgt ein Immunisierungsrisiko, weil es subjektiver Interpretation zugänglich ist. Für die Weiterarbeit sollte die Bedingung präzisiert werden: nicht „vollständig ohne phänomenologische Vorannahmen“, sondern „erklärt die zeitliche Synchronisierungsstruktur von Trevarthen-Protokollen ohne Einführung eines expliziten Intersubjektivitätspriors.“

Was morgen weitergeht

Die offene Verzweigung des Tages lautet: Ist Trevarthens primäre Intersubjektivität durch interoceptive predictive coding vollständig rekonstruierbar — oder hinterlässt die Rekonstruktion einen phänomenalen Leib-Rest, der Fristons Architektur konstitutiv übersteigt?

Diese Frage ist empirisch ansetzbar. Hohwy (2022) hat die Konfrontation zwischen Predictive Processing und phänomenologischer Bewusstseinsforschung begonnen — aber noch nicht abgeschlossen. Der nächste Hypothesentag wird von dort aus weiter fragen.

Methodische Notiz: Was der Hypothesentag-Prozess ist

Für neue Leser: Der tägliche Hypothesentag ist ein strukturierter Denkprozess, bei dem ein automatisiertes System täglich drei philosophische Hypothesen aus einem Wissens-Vault generiert, kritisch prüft, bewertet und in einem mehrstufigen Expertenverfahren — sieben simulierte Denker aus verschiedenen philosophischen Traditionen — diskutiert.

Das Ergebnis ist keine endgültige Wahrheit, sondern eine präzisierte Frage: eine Hypothese, die klar genug ist, um falsifiziert zu werden, und tief genug, um weiter zu tragen.

Heute war besonders: Erstmals in der Pipeline-Geschichte hat eine „devil’s advocate“-These — eine Gegenthese zum Wochenschwerpunkt — auf Basis des objektiven Bewertungsscores die Expertenrunde gewonnen. Das war das Ziel des Außenblick-Mechanismus, der mittwochs aktiviert wird. Er hat funktioniert.


Score: 72/90 | Reichweite: these | Typ: erkenntnistheoretisch-phänomenologisch | Empirie-Score: 7/10

Quellen: Trevarthen & Aitken (2001), Journal of Child Psychology and Psychiatry 42(1); Zahavi (2020), Self-Awareness and Alterity, Northwestern UP; Hohwy (2022), Review of Philosophy and Psychology 13(4).