
Hinweis: Dieser Beitrag stellt ein Forschungsprogramm vor — eine These mit weiter Reichweite, die mehrere Linien öffnet.
Selbstbeschreibung vs. Selbstvoraussetzung
Was Cassirer und Luhmann trennt — und warum das mehr bedeutet als ein Schulenstreit
Es gibt eine Frage, die sich im Hintergrund vieler kulturphilosophischer Debatten versteckt, ohne je ganz sichtbar zu werden: Wie revvidiert eine Kultur ihre eigenen Grundlagen? Nicht ihre Meinungen, nicht ihre Normen — sondern die tiefste Ebene, auf der sie entscheidet, was überhaupt als gültig, als real, als sagbar gilt?
Ernst Cassirer und Niklas Luhmann haben auf diese Frage sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Cassirer entwickelte sein Konzept der symbolischen Formen — Sprache, Mythos, Kunst, Wissenschaft — als Kategorien, durch die der menschliche Geist die Wirklichkeit überhaupt erst konstituiert. Luhmann baute ein System aus Systemcodes: Wahr/Unwahr für die Wissenschaft, Recht/Unrecht für das Rechtssystem, Zahlung/Nichtzahlung für die Wirtschaft. Diese binären Codes definieren, was innerhalb eines Funktionssystems als Kommunikation zählt.
Man könnte meinen, das seien einfach zwei verschiedene Beschreibungssprachen für dieselbe Sache. Die heutige Hypothese behauptet das Gegenteil: Der Unterschied ist strukturell, und er hat empirische Konsequenzen.
Die Kernunterscheidung: self-revising vs. self-assuming
Cassirers symbolische Formen halten eine bestimmte Möglichkeit offen, die Luhmanns Systemcodes ausschließen: die Möglichkeit, die eigene Geltungsgrundlage von innen heraus in Frage zu stellen und zu revidieren.
Wenn eine Kultur in einem mythischen Weltbild lebt, ist der Mythos nicht einfach eine Theorie neben anderen — er ist der Rahmen, innerhalb dessen überhaupt Bedeutung entsteht. Aber dieser Rahmen kann sich verändern, und zwar durch die Praxis selbst: durch Rituale, die modifiziert werden, durch Erzählungen, die neu ausgelegt werden, durch Erfahrungen, die sich nicht mehr fügen wollen. Die Geltungsgrundlage ist offen für interne Kommunikation über sie selbst. Das nenne ich self-revising.
Luhmanns Systemcodes funktionieren anders. Der Code Wahr/Unwahr der Wissenschaft ist keine Theorie, die wissenschaftlich geprüft werden kann — er ist die Bedingung, unter der wissenschaftliche Prüfung überhaupt stattfindet. Die strukturellen Grundlagen des Systems stehen nicht innerhalb des Systems zur Disposition. Wenn sie dennoch in Frage gestellt werden — wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anfangen zu fragen, was überhaupt als Beweis gilt, was als Erklärung, welche Methoden legitim sind — dann geschieht das in einer ausdifferenzierten Reflexionsinstanz: der Wissenschaftstheorie. Analog: Im Rechtssystem ist die Verfassungsrechtsprechung der Ort, an dem Grundfragen des Rechts verhandelt werden. In der Religion übernimmt die Theologie diese Funktion. Das nenne ich self-assuming: Das System setzt seine eigenen Grundlagen voraus und lagert die Reflexion über sie aus.
Eine formale Präzisierung: Was Karl Friston dazu beiträgt
Wer sich fragt, ob diese Unterscheidung nicht bloß metaphorisch ist, kann sie formalisieren — und dabei stößt man auf ein Konzept aus der modernen Kognitionswissenschaft, das verblüffend gut passt.
Karl Friston, Neurowissenschaftler und Begründer des Prinzips der freien Energie, unterscheidet in hierarchischen Bayes’schen Inferenzsystemen zwischen zwei Arten von Lernen: parameter estimation und model selection. Parameter estimation bedeutet: Ich lerne innerhalb eines gegebenen Modells dazu. Ich passe meine Erwartungen an, ohne die Struktur des Modells selbst anzutasten. Model selection bedeutet: Ich lerne, dass das Modell selbst falsch ist, und ersetze es durch ein anderes.
Der Unterschied ist nicht graduell — er ist kategorial. Ein System, das nur Parameter schätzt, kann sich innerhalb seines Rahmens beliebig gut anpassen, aber es wird nie den Rahmen selbst revidieren. Ein System, das Modelle auswählt, kann seine Grundstruktur verändern.
Cassirers symbolische Formen entsprechen dem model-selection-Modus: Die Grundformen des Verstehens sind plastisch, historisch wandelbar, von innen revidierbar. Luhmanns Systemcodes entsprechen dem parameter-estimation-Modus: Innerhalb des Codes wird gelernt, aber der Code selbst bleibt unangetastet — Revision findet nur in der ausgelagerten Reflexionsinstanz statt.
Das ist kein Zufall. Es ist eine strukturelle Eigenschaft, die bestimmte Konsequenzen hat.
Der Trade-off: Stabilität gegen Anpassungsfähigkeit
Self-revising Systeme sind anpassungsfähiger. Wenn sich die Umwelt radikal verändert, können sie ihre Grundkategorien umbauen, ohne auf eine spezialisierte Institution angewiesen zu sein. Der Preis ist epistemische Instabilität: Es ist nie vollkommen klar, auf welchem Grund man steht.
Self-assuming Systeme sind stabiler und schneller. Weil der Code nicht zur Disposition steht, können Wissenschaft, Recht und Wirtschaft mit hoher Geschwindigkeit operieren — Millionen von Entscheidungen werden täglich getroffen, ohne dass jemand fragen müsste, ob Wahr/Unwahr überhaupt die richtige Unterscheidung ist. Der Preis ist strukturelle Rigidität: In Phasen tiefgreifenden Wandels müssen die Reflexionsinstanzen eine Arbeit leisten, für die sie möglicherweise nicht ausgelegt sind.
Das ist keine Wertung. Es ist eine Beschreibung eines echten Trade-offs.
Die historische Dimension: Wann vollzieht sich der Übergang?
Hier wird die These empirisch interessant — und zugleich schwieriger.
Die Empiriethese lautet: In Gesellschaften, die primär mit symbolischen Formen operieren — prä-differenzierte Gesellschaften, mythopoetische Traditionen — findet strukturelle Revision ohne spezialisierte Reflexionsinstanzen statt. In funktional differenzierten Gesellschaften — der modernen westlichen Gesellschaft, aber auch allen Gesellschaften mit ausdifferenzierten Teilsystemen — ist strukturelle Revision auf Reflexionsinstanzen ausgelagert.
Der Übergang zwischen diesen Zuständen ist historisch datierbar. Die Herausbildung der Wissenschaftstheorie als eigenständige Disziplin im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die Entstehung des Verfassungsrechts als reflexives Recht, die Dogmatisierung theologischer Lehrsätze — all das lässt sich als Manifestation dieses Übergangs lesen.
Hier ist ein Einwand angebracht, den die externe Überprüfung (Hacking-Perspektive) scharf formuliert hat: Sind “prä-differenzierte Gesellschaften” überhaupt eine legitime empirische Kategorie? Jack Goody hat gezeigt, dass viele der angeblichen Charakteristika mündlicher Kulturen westliche Projektionen sind. Bruno Latour hat darauf hingewiesen, dass die Moderne nie so modern war, wie sie von sich behauptet. Der Einwand trifft. Die These muss vorsichtiger formuliert werden: Nicht “prä-differenzierte Gesellschaft” als Typus, sondern konkrete historische Konfigurationen von Kommunikationspraktiken, die entweder self-revising oder self-assuming dominieren — und die sich empirisch unterscheiden lassen.
Warum das ein Forschungsprogramm ist, nicht eine fertige These
Drei Fragen bleiben offen, die zur eigentlichen Forschungsarbeit einladen:
Erstens die Kommensurabilitätsfrage. Cassirers Vokabular ist neukantianisch: Er spricht von Geltung, von apriorischen Formen, von der Konstitution von Wirklichkeit durch den Geist. Luhmanns Vokabular ist strikt funktionalistisch: Er spricht von Operationen, von Systemcodes, von Emergenz. Ist der Vergleich dieser beiden Sprachen überhaupt legitim — oder vergleicht man Äpfel mit Orangen? Die Antwort ist: Man kann beide Vokabulare in einem gemeinsamen Rahmen verankern, wenn man den Begriff der strukturellen Revision präzise genug fasst. Aber diese Verankerung muss geleistet werden, sie ist nicht selbstverständlich.
Zweitens die Übergangsfrage. Unter welchen historischen Bedingungen vollzieht sich der Übergang von self-revising zu self-assuming? Ist er reversibel? Es gibt Hinweise, dass Gesellschaften in Krisen — wenn die Reflexionsinstanzen selbst ihre Legitimität verlieren — temporär in hybride Zustände übergehen, in denen Grundfragen wieder offen werden. Die Weimarer Republik ist ein historisches Beispiel. Die gegenwärtige Krise demokratischer Institutionen könnte ein weiteres sein.
Drittens die Bayes-Symboltheorie. Wenn Fristons free-energy-Prinzip tatsächlich eine formale Entsprechung zur Cassirer-Luhmann-Unterscheidung liefert, dann eröffnet das die Möglichkeit, kulturellen Wandel mit den Werkzeugen der Kognitionswissenschaft zu modellieren. Das ist ein riskanter, aber produktiver Gedanke.
Was die Expertenkritik beigetragen hat
Die These wurde heute einem internen Panelgespräch unterzogen — sieben philosophische Positionen (Kant, Popper, Wittgenstein, Cassirer, Friston, Luhmann, Goethe) plus eine sokrakische Syntheseinstanz. Das Ergebnis war produktiv, nicht beruhigend.
Kant und Popper beharren auf formaler Operationalisierung: Die Begriffe “self-revising” und “self-assuming” müssen so präzise gefasst werden, dass sie falsifizierbar sind. Wittgenstein und Luhmann weisen auf ein Sprachspielproblem hin: “Selbstbeschreibung” ist kein einheitliches Merkmal, sondern ein Wort, das in verschiedenen Kontexten Verschiedenes bedeutet. Goethe warnt davor, die phänomenale Eigenart kultureller Praktiken durch Formalisierung zu verlieren. Friston sieht die eleganteste Möglichkeit zur Präzisierung, aber auch die Gefahr, Kulturphilosophie in Kognitionswissenschaft aufzulösen.
Zwei Antinomien wurden als produktiv ausgehalten: Die zwischen formaler Eleganz und phänomenaler Eigenart. Und die zwischen der These als Struktureigenschaft (Cassirers Erbe) und der These als Beobachterabhängigkeit (Luhmanns Re-entry-Frage: Wer beobachtet die Unterscheidung?).
Eine externe Überprüfung (Hacking-Perspektive, sonar-reasoning-pro, gpt-4o-mini) bestätigte die Originalität: Kein vergleichbares Cassirer-Luhmann-Framework “self-revising vs. self-assuming” ist in der Literatur nachweisbar. Gleichzeitig: Das Immunisierungsrisiko durch zu enge Begriffsdefinitionen ist real. Wer “symbolische Formen” so definiert, dass per definitionem alle Revisionen in ihnen stattfinden, hat die These unfallfähig gemacht — aber damit auch wertlos.
Die Falsifikationsbedingung
Eine These, die man nicht widerlegen kann, ist keine These. Die vorliegende wäre widerlegt, wenn sich Systemcodes nachweisen lassen, die unter Bedingungen schnellen Umweltwandels strukturelle Revision vollziehen — ohne Auslagerung auf eine Reflexionstheorie und ohne Aufgabe ihrer operativen Schließung. Oder wenn Reflexionstheorien empirisch dieselbe Tiefenspeicherungs- und Anpassungsleistung erbringen wie symbolische Formen. Beides ist denkbar. Beides wäre ein interessantes Ergebnis.
Eine offene Frage zum Mitnehmen
Unter welchen historischen Bedingungen vollzieht sich der Übergang von self-revising zu self-assuming Kommunikationssystemen — und ist dieser Übergang reversibel?
Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine Forschungsfrage, die ich in den nächsten Wochen weitertreiben werde.
Methodische Notiz. Diese Hypothese ist am 16. Mai 2026 im automatisierten HypothesenAgent-Prozess entstanden: Vault-Scan → Hypothesengeneration → Kritik (Kritischer Professor) → Reformulierung → Bewertung (7 Experten-Stimmen, 2 Runden) → Sokrates-Synthese → Empirie-Brücke (gpt-4o-search-preview) → externe Zweitmeinung (sonar-reasoning-pro, gpt-4o-mini, Hacking-Persona/claude-sonnet-4-6). Interner Score: 68/90. Nach externer Prüfung: 63/90. Empirie-Score: 3/10. Reichweiten-Klasse: Forschungsprogramm.