Die Erweiterung des Idealismus durch die Kunst: Wie spiegelt sich der Übergang vom Impressionismus zum Expressionismus in Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen und seinem dynamischen Begriff des Idealismus wider
Dies ist eine philosophisch außerordentlich fruchtbare Frage — sie verbindet Kunstgeschichte, Erkenntnistheorie und Kulturphilosophie auf eine Weise, die Cassirers eigenes Denken strukturell berührt. Ich rekonstruiere sorgfältig, was der Korpus hergibt, und weise transparent auf Grenzen hin.
Vorbemerkung: Cassirer und die Kunstgeschichte seiner Zeit
Cassirer schreibt die Philosophie der symbolischen Formen zwischen 1923 und 1929 — also in dem Jahrzehnt, in dem der Expressionismus seine philosophische Reflexion findet (Worringer, Simmel, später Bloch). Er war mit Aby Warburg und dem Warburg-Kreis in Hamburg eng verbunden — einem Milieu, das Kunstgeschichte und Kulturphilosophie systematisch verknüpfte. Diese Konstellation ist für Ihre Frage entscheidend.
1. Die impressionistische Erkenntnisstruktur: Das „Gegebene“
Der Impressionismus lässt sich erkenntnistheoretisch als Programm der reinen Rezeptivität beschreiben: Das Bewusstsein empfängt den flüchtigen Eindruck (impression) und hält ihn fest — ohne konstruktive Zutat, ohne Deutung, ohne Formzwang. Monet malt nicht „Heuschober“, sondern das Licht auf dem Heuschober zu einem bestimmten Moment.
Cassirer beschreibt genau diese Erkenntnishaltung — und kritisiert sie:
„Mit dieser kritischen Einsicht gibt die Wissenschaft freilich die Hoffnung und den Anspruch auf eine ‚unmittelbare’ Erfassung und Wiedergabe des Wirklichen auf. Sie begreift, daß alle Objektivierung, die sie zu vollziehen vermag, in Wahrheit Vermittlung ist und Vermittlung bleiben muß.“ (PhSF I)
Die impressionistische Erkenntnishaltung entspricht dem, was Cassirer den dogmatischen Sensualismus nennt:
„Schon hier also sind wir über jene Abstraktion der ‚bloßen’ Empfindung, von der der dogmatische Sensualismus auszugehen pflegt, hinaus.“ (PhSF III)
Der Sensualismus — und strukturell der Impressionismus — glaubt an das „Gegebene“: Es gibt eine Wirklichkeit, die sich dem empfangenden Bewusstsein unmittelbar darbietet. Cassirer zeigt, dass diese Unmittelbarkeit eine Illusion ist:
„Das ‚Gegebene’ des Objekts wandelt sich in diesem Fall in die ‚Aufgabe’ der Objektivität.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
Das ist der entscheidende Bruch: Was der Impressionismus als Gegebenes behandelt — den reinen Sinneseindruck — ist für Cassirer bereits konstituiert, bereits durch symbolische Formen vorgeformt. Es gibt keine ungedeutete Empfindung, keinen reinen Eindruck jenseits der symbolischen Vermittlung.
2. Die expressionistische Erkenntnisstruktur: Das „Vor-Bild“
Der Expressionismus kehrt die Richtung um: Nicht die Welt drückt sich im Bewusstsein aus (impression), sondern das Bewusstsein drückt sich in der Welt aus (expression). Der Künstler formt die Wirklichkeit nach dem inneren Ausdruck — er verzerrt, übertreibt, konstruiert, um das Innere sichtbar zu machen.
Diese Struktur entspricht präzise Cassirers Grundthese:
„Jetzt läßt sich auch der Sprache und der Kunst ihre eigentümliche ‚objektive’ Bedeutung zuweisen — nicht weil sie eine an sich bestehende Wirklichkeit nachbilden, sondern weil sie sie vor-bilden, weil sie bestimmte Weisen und Richtungen der Objektivierung sind.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
Das „Vor-Bild“ ist Cassirers zentraler Begriff hier — und er ist strukturell expressionistisch: Die symbolische Form bildet Wirklichkeit nicht nach, sondern vor. Sie geht der Wirklichkeit voraus als deren Konstitutionsbedingung.
Noch deutlicher:
„Jede echte geistige Grundfunktion hat mit der Erkenntnis den einen entscheidenden Zug gemeinsam, daß ihr eine ursprünglich-bildende, nicht bloß eine nachbildende Kraft innewohnt. Sie drückt nicht bloß passiv ein Vorhandenes aus, sondern sie schließt eine selbständige Energie des Geistes in sich.“ (PhSF I)
„Ursprünglich-bildend“ versus „nachbildend“ — das ist die philosophische Fassung des Gegensatzes von Expressionismus und Impressionismus. Der Geist ist nicht Empfänger, sondern Erzeuger von Bedeutung.
3. Die Ausdrucksfunktion als philosophische Mitte
Cassirers Begriff der Ausdrucksfunktion (Ausdruckswahrnehmung) ist der philosophische Ort, an dem beide Bewegungen sich treffen und aufgehoben werden. Aus PhSF III:
„Die erste Form, in der ein empfindendes und fühlendes Subjekt eine Umwelt ‚hat’, besteht darin, daß es diese Welt als eine Mannigfaltigkeit von ‚Ausdruckserlebnissen’ besitzt. Lange bevor die Umwelt dem Subjekt als ein Komplex von ‚Dingen’ mit objektiven Merkmalen, mit festen Qualitäten und Eigenschaften, gegeben ist, hat sie sich in dieser Weise gegliedert.“ (PhSF III)
Die Ausdruckswahrnehmung ist weder rein impressionistisch noch rein expressionistisch:
– Sie ist nicht impressionistisch, weil sie keine passive Empfangsstruktur hat — die Welt gibt sich nicht als neutrales Datum, sondern als Ausdrucksqualität: bedrohlich, freundlich, feierlich, unheimlich – Sie ist nicht expressionistisch im subjektivistischen Sinne, weil der Ausdruck nicht vom Subjekt projiziert wird — er wird wahrgenommen, er ist in der Welt selbst
Cassirer formuliert dies gegen den psychologischen Projektionismus:
„Der Inhalt, den das Subjekt als ihm selbst ‚gegenüberstehend’ erlebt, ist keineswegs ein bloß äußerlicher in der Art, daß er einem ‚stummen Bild auf einer Tafel’ gleicht. Er ist gleichsam transparent; er gibt uns unmittelbar in seinem Dasein und in seinem So-Sein Kunde von einem innern Leben, das durch ihn hindurchscheint.“ (PhSF III)
Die Welt ist transparent für Bedeutung — nicht weil das Subjekt Bedeutung hineinprojiziert, sondern weil Bedeutung die ursprüngliche Struktur der Wahrnehmung selbst ist. Das ist Cassirers Überwindung beider Positionen durch den Begriff der symbolischen Prägnanz.
4. Der Idealismus-Begriff und seine Erweiterung
Hier liegt der philosophisch tiefste Punkt Ihrer Frage. Cassirer erbt den Kantischen Idealismus — aber er transformiert ihn grundlegend. Die Transformation lässt sich als Bewegung vom statischen zum dynamischen Idealismus beschreiben.
Der statische Idealismus (Kant)
Kant fragt: Welche festen Formen bringt das Subjekt zur Erfahrung mit? Seine Antwort: Raum, Zeit, die zwölf Kategorien — ein geschlossenes, unveränderliches System apriorischer Formen.
Cassirers dynamischer Idealismus
Cassirer schreibt in PhSF I:
„In diesem Sinne bedeutet jede neue ‚symbolische Form’, bedeutet nicht nur die Begriffswelt der Erkenntnis, sondern auch die anschauliche Welt der Kunst, wie die des Mythos oder der Sprache nach dem Wort Goethes eine von dem Inneren an das Äußere ergehende Offenbarung, eine ‚Synthese von Welt und Geist’, die uns der ursprünglichen Einheit beider erst wahrhaft versichert.“ (PhSF I)
Der entscheidende Unterschied:
– Bei Kant: Die Formen sind gegeben — unveränderlich, ahistorisch, für alle Erfahrung dieselben – Bei Cassirer: Die Formen sind geschichtlich — sie entstehen, entwickeln sich, differenzieren sich in einem unabschließbaren Prozess
Aus der Logik der Kulturwissenschaften:
„Das ‚Gegebene’ des Objekts wandelt sich in diesem Fall in die ‚Aufgabe’ der Objektivität.“
„Aufgabe“ statt „Gegebenes“ — das ist die Kernformel des dynamischen Idealismus. Objektivität ist kein Zustand, sondern ein Prozess; kein Besitz, sondern eine Richtung.
5. Der Prozesscharakter als strukturelle Parallele zum Expressionismus
Ihre Intuition, dass der ständige Prozess bei Cassirer mit dem expressionistischen Impuls zusammenhängt, ist philosophisch präzise. Der Expressionismus ist wesentlich eine Bewegungskunst — er zeigt nicht den Zustand, sondern die Energie, nicht das Ding, sondern die Kraft, die es formt.
Cassirer beschreibt den Geist analog:
„Sie sind nicht verschiedene Weisen, in denen sich ein an sich Wirkliches dem Geiste offenbart, sondern sie sind die Wege, die der Geist in seiner Objektivierung, d. h. in seiner Selbstoffenbarung verfolgt.“ (PhSF I)
„Selbstoffenbarung“ — der Geist offenbart sich in den symbolischen Formen, er ist nicht vor ihnen fertig und drückt sich dann aus. Das ist strukturell expressionistisch: Der Ausdruck konstituiert das Ausdrückende, er ist nicht dessen Abbild.
Und weiter:
„Auch hier bildet sich die Anschauung beider in ein und demselben Prozeß aus, der zu einer ständig-fortschreitenden ‚Auseinandersetzung’ der beiden Pole führt.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
„Ständig-fortschreitende Auseinandersetzung“ — das ist der Prozesscharakter, den Sie ansprechen. Ich und Welt, Subjekt und Objekt sind keine festen Pole, die dann in Beziehung treten, sondern sie konstituieren sich wechselseitig in einem nie abgeschlossenen Prozess.
6. Kunst als „echte Entdeckung“ — gegen Nachahmung und bloßen Ausdruck
Cassirer vermeidet aber eine einfache Identifikation mit dem Expressionismus. Er kritisiert sowohl die Nachahmungstheorie (impressionistisch) als auch den bloßen Subjektivismus (vulgär-expressionistisch):
„Das Werk der Kunst niemals eine bloße Abbildung des Subjektiven oder Objektiven, der seelischen oder der gegenständlichen Welt sein kann, sondern daß sich hier eine echte Entdeckung beider vollzieht.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
„Echte Entdeckung beider“ — das ist Cassirers eigene Position jenseits beider Kunstbewegungen:
– Gegen den Impressionismus: Kunst ist nicht Abbild der äußeren Welt – Gegen den vulgären Expressionismus: Kunst ist nicht bloßer Ausdruck des inneren Zustands – Für Cassirer: Kunst ist Konstitution von Ich und Welt zugleich — eine Entdeckung, die beide erst hervorbringt
„Kein Künstler kann die Natur darstellen, ohne daß er, in dieser Darstellung und durch sie, sein eigenes Ich zum Ausdruck brächte; kein künstlerischer Ausdruck des Ich ist möglich, ohne daß Gegenständliches, in voller Objektivität und Plastizität sich vor uns hinstellt.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
7. Die „Idealität“ als produktive Kraft
Cassirer greift Goethes Begriff der Idealität auf — und das ist der Punkt, an dem Impressionismus, Expressionismus und seine eigene Philosophie am deutlichsten zusammenkommen:
„Die echte Idealität, die Idealität des theoretischen Begriffs wie die der anschaulichen Gestaltung, schließt stets ein produktives, nicht ein rezeptives oder imitatives Verhalten in sich. Sie muß Neues finden, statt Altes unter einer anderen Form zu wiederholen.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
„Produktiv“ versus „rezeptiv“ — das ist die philosophische Fassung des Übergangs vom Impressionismus zum Expressionismus:
– Rezeptiv = impressionistisch: empfangen, was gegeben ist – Produktiv = expressionistisch: erzeugen, was noch nicht war
Und Goethe formuliert es so, wie Cassirer ihn zitiert:
„Das Eigentümliche der ideellen Denkweise sei, das Ewige im Vorübergehenden sehen zu lassen.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
Das Ewige im Vorübergehenden — das ist weder impressionistisch (das Vorübergehende festhalten) noch naiv expressionistisch (das Innere projizieren), sondern die Durchdringung beider: im flüchtigen Moment die überzeitliche Form sichtbar machen.
8. Die „Tragödie der Kultur“ als expressionistisches Motiv
Ein letzter Punkt, der Ihre Frage vertieft: Cassirers Begriff der Tragödie der Kultur — den er von Simmel übernimmt — hat eine genuine expressionistische Struktur:
„Die Technik, die er erfand, um sich die physische Welt zu unterwerfen, hat sich gegen ihn selbst gekehrt. Sie hat nicht nur zu einer steigenden Selbstentfremdung, sondern zuletzt zu einer Art Selbstverlust des menschlichen Daseins geführt.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
Der Schrei des Expressionismus — Munchs „Schrei“, Kirchners verzerrte Stadtmenschen — ist philosophisch die Erfahrung dieser Tragödie: Der Mensch, der die Kultur schafft, wird von ihr überwältigt. Die objektiven Formen verselbständigen sich gegenüber dem subjektiven Geist, der sie erzeugte.
Cassirer kennt diese Dialektik — aber er antwortet darauf nicht mit Resignation, sondern mit dem Programm der Reflexion:
„Diesem Gefängnis entrinnt der Mensch nicht dadurch, daß er die Mauern niederreißt, sondern dadurch, daß er sich ihrer bewußt wird.“ (Logik der Kulturwissenschaften)
Systematische Zusammenfassung
| Impressionismus | Expressionismus | Cassirer | |
|---|---|---|---|
| Grundbewegung | Welt → Bewusstsein | Bewusstsein → Welt | Wechselseitige Konstitution |
| Erkenntnishaltung | Rezeptiv | Produktiv | Produktiv-konstitutiv |
| Wirklichkeitsbegriff | Gegeben | Erzeugt | Aufgabe der Objektivität |
| Zeitstruktur | Moment, Flüchtigkeit | Energie, Kraft | Ständig-fortschreitender Prozess |
| Idealismus | Keiner | Subjektivistisch | Dynamisch-funktionell |
| Kunstbegriff | Nachahmung | Ausdruck | Entdeckung beider |
Transparenzhinweis
Cassirers direkte Auseinandersetzung mit Impressionismus und Expressionismus als Kunstbewegungen — falls vorhanden — findet sich möglicherweise in:
– „Versuch über den Menschen“ (Essay on Man, 1944), Kapitel zur Kunst – Einzelne Aufsätze zur Kunstphilosophie aus dem Nachlass – Cassirers Vorlesungen in Hamburg und Göteborg