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Über die Begriffe hinreichend und notwendig

Über die Begriffe hinreichend und notwendig in der transzendentalen Philosophie und die Davoser Disputation

Die Ausgangslage bei Kant

In der Kritik der reinen Vernunft gibt es zwei Stämme der Erkenntnis: die Sinnlichkeit (rezeptiv, gibt uns Anschauungen) und den Verstand (spontan, denkt durch Begriffe). Das Problem, das Kant selbst klar gesehen hat: Wie kommen diese beiden völlig heterogenen Vermögen zusammen? Eine reine Anschauung ist blind, ein reiner Begriff ist leer – aber wie überbrückt man den Abgrund zwischen einem sinnlichen Datum und einer intellektuellen Kategorie?

Kants Antwort in der ersten Auflage (A) von 1781: durch die transzendentale Einbildungskraft (Einbildungskraft im Sinne von imaginatio, nicht Phantasie). Sie ist das vermittelnde Drittes, das Schemata erzeugt – sinnlich genug, um auf Anschauungen anwendbar zu sein, intellektuell genug, um Begriffe zu tragen. Kant nennt sie an einer berühmten Stelle eine „blinde, obgleich unentbehrliche Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind.”

In der zweiten Auflage (B) von 1787 schreibt Kant die transzendentale Deduktion weitgehend um. Die Einbildungskraft verliert ihre eigenständige Stellung; sie wird zu einer „Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit” herabgestuft. Der Verstand triumphiert, die Vermittlerin tritt ins zweite Glied zurück.

Heideggers These

Heidegger sagt in Kant und das Problem der Metaphysik (das sogenannte „Kantbuch”): Kant ist vor seiner eigenen Entdeckung zurückgeschreckt.

Was Kant in der A-Auflage entdeckt hatte – ohne es vollends zu begreifen –, war nichts Geringeres als der Grund der beiden Stämme. Sinnlichkeit und Verstand sind nicht zwei nebeneinander stehende Vermögen, sondern entspringen einer gemeinsamen, tieferen Wurzel: der transzendentalen Einbildungskraft. Diese ist für Heidegger keine bloße Vermittlungsinstanz mehr, sondern das ursprüngliche Vermögen, aus dem Sinnlichkeit und Verstand allererst hervorgehen.

Und – hier kommt Ihre ursprüngliche Frage ins Spiel – diese Einbildungskraft ist nicht nur eine notwendige, sondern eine hervorbringende Bedingung. Sie bildet (im aktiven, erzeugenden Sinn) den Horizont, innerhalb dessen Gegenstände überhaupt als Gegenstände begegnen können. Sie ist produktiv, nicht bloß strukturierend. Damit liegt in ihr genau das, was eine reine notwendige Bedingung nicht leisten kann: die hinreichende Hervorbringung des Erfahrungshorizonts.

Heidegger geht noch weiter: Die transzendentale Einbildungskraft ist im Kern Zeit – nicht Zeit als Anschauungsform, sondern als ursprüngliche Zeitlichkeit, die das Selbst und seinen Weltbezug konstituiert. Damit ist Kant für Heidegger der erste, der eine Fundamentalontologie auf der Zeitlichkeit des Daseins begründet hat – also genau das Projekt, das Heidegger in Sein und Zeit (1927) verfolgt. Das Kantbuch ist im Grunde Heideggers Versuch zu zeigen: Sein und Zeit steht in einer geheimen Tradition, die in der A-Auflage der Kritik angelegt war und seither verschüttet wurde.

Warum schreckte Kant zurück? Heideggers Antwort: weil die Konsequenz unerträglich gewesen wäre. Wäre der Grund der Vernunft die Einbildungskraft, also etwas Sinnlich-Endliches-Zeitliches, dann wäre die Vernunft selbst nicht mehr autonom, nicht mehr das souveräne, ahistorische Vermögen der Aufklärung. Der Mensch wäre wesenhaft endlich, sein Denken aus einer ihm vorausliegenden Zeitlichkeit gespeist. Das hätte das ganze Aufklärungsprojekt unterminiert. Kant zog sich zurück und stellte in der B-Auflage den Verstand wieder als Herrn ins Zentrum.

Die Davoser Disputation, März 1929

Vor diesem Hintergrund spielt sich die berühmte Begegnung zwischen Heidegger und Ernst Cassirer in Davos ab – auf den zweiten Davoser Hochschulkursen, einem damals prestigeträchtigen intellektuellen Treffen (Thomas Mann verarbeitet die Atmosphäre im Zauberberg). Cassirer war damals der prominenteste Vertreter des Marburger Neukantianismus, Heidegger der aufsteigende Stern aus Freiburg, der mit Sein und Zeit zwei Jahre zuvor eingeschlagen hatte wie ein Komet.

Es ging im Kern um die Frage: Was ist der Mensch, und was leistet die Vernunft?

Cassirers Kant ist der Kant der symbolischen Formen und der Kultur. Vernunft ist das Vermögen, sich aus der Endlichkeit des bloß Faktischen zu erheben – durch Wissenschaft, Sprache, Mythos, Kunst, Recht. Der Mensch ist das animal symbolicum, das sich seine Welt in Bedeutungen selbst aufbaut. Cassirer betont das Unendliche im Endlichen: die Fähigkeit der Kultur, das Gegebene zu transzendieren. Die Einbildungskraft ist für ihn eine Funktion unter anderen, eingebettet in das größere Werk der Vernunft.

Heideggers Kant ist der Kant der Endlichkeit. Der Mensch ist nicht das Wesen, das sich über seine Bedingungen erhebt, sondern das Wesen, das wesentlich von ihnen durchwirkt ist – geworfen, sterblich, zeitlich. Die Einbildungskraft ist nicht ein Vermögen unter anderen, sondern der Abgrund, aus dem alles weitere quillt. Philosophie hat nicht die Aufgabe, den Menschen zu trösten oder zu erheben, sondern ihm seine Endlichkeit zumutbar zu machen.

Die Disputation verlief höflich, aber unversöhnlich. Cassirer sprach vornehm und konziliant, suchte Brücken; Heidegger antwortete schroff und kompromisslos. Zeitgenossen hatten den Eindruck, eine Epoche sei zu Ende gegangen – die humanistisch-aufklärerische Tradition Cassirers wirkte plötzlich alt, Heideggers existenziale Sprache aufregend neu. Emmanuel Levinas, damals als junger Student dabei, sagte später, er habe das Gefühl gehabt, „eine Welt zu Ende gehen” zu sehen. Vier Jahre später war Cassirer als Jude im Exil, Heidegger im Mai 1933 NSDAP-Mitglied und Rektor der Freiburger Universität – ein finsteres Nachspiel, das die philosophische Auseinandersetzung politisch nachträglich aufgeladen hat.

Was das mit der Ausgangsfrage zu tun hat

Heideggers Kantinterpretation ist der vielleicht radikalste Versuch innerhalb der Kanttradition selbst, von den notwendigen Bedingungen zu den hervorbringenden überzugehen – ohne den transzendentalen Rahmen einfach zu verlassen. Statt Kant zu kritisieren oder zu naturalisieren, behauptet Heidegger: Kant hatte die Antwort schon, in der Einbildungskraft, und hat sie nur nicht gewagt zu Ende zu denken.

Ob diese Lesart historisch stimmt, ist umstritten – Cassirer und später viele andere haben sie als Gewaltakt empfunden, als Heidegger-Projektion auf Kant statt Kant-Auslegung. Dieter Henrich etwa hat detailliert gezeigt, dass Kants Umarbeitung der B-Auflage nicht aus Furcht, sondern aus systematischen Gründen erfolgte. Aber als philosophische Frage ist Heideggers Punkt genau Ihrer: Was wäre, wenn der Boden des Erkennens nicht eine Struktur, sondern ein Geschehen wäre? Nicht eine Bedingung, die etwas möglich macht, sondern eine Tätigkeit, die es hervorbringt?

Dieses Buch ist relativ schmal (gut 200 Seiten in der Klostermann-Ausgabe, Band 3 der Gesamtausgabe), nicht ganz so dunkel wie Sein und Zeit, und der dramatische Punkt – die Wurzel-These und die Rückschreckungs-These – steht im vierten Abschnitt, „Die Grundlegung der Metaphysik in ihrer Ursprünglichkeit”. Wenn Sie das mit dem Davos-Protokoll im Anhang lesen, haben Sie in einem Wochenende einen der zentralen philosophischen Konflikte der Moderne vor sich – und eine sehr eigenständige Antwort auf Ihre Eingangsfrage nach den hinreichenden Bedingungen.

Literaturhinweise: Hinreichende Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung/Erkenntnis

Maimon, Salomon: Versuch über die Transzendentalphilosophie. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2004 (Erstausgabe Berlin 1790).

Fichte, Johann Gottlieb: Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95). Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1997.

Fichte, Johann Gottlieb: Erste und Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797). Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1975.

Henrich, Dieter: Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus. Tübingen – Jena (1790–1794). 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004.

Husserl, Edmund: Analysen zur passiven Synthesis. Aus Vorlesungs- und Forschungsmanuskripten 1918–1926. Husserliana Band XI. Den Haag: Martinus Nijhoff, 1966.

Sellars, Wilfrid: Empiricism and the Philosophy of Mind. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1997 (Erstveröffentlichung 1956). Deutsche Ausgabe: Der Empirismus und die Philosophie des Geistes. Paderborn: mentis, 1999.

Brandom, Robert B.: Making It Explicit. Reasoning, Representing, and Discursive Commitment. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1994. Deutsche Ausgabe: Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000.

Heidegger, Martin: Kant und das Problem der Metaphysik. Gesamtausgabe Band 3. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 1991 (Erstausgabe 1929).


Ergänzend zur Davoser Disputation:

Cassirer, Ernst / Heidegger, Martin: Davoser Disputation. In: Heidegger, Martin: Kant und das Problem der Metaphysik, GA Band 3, Anhang, S. 274–296.

Gordon, Peter E.: Continental Divide. Heidegger, Cassirer, Davos. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2010.

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